Kurze Hosen im Büro

Schwitz lass nach

Sommer, Sonne, Badewetter - doch statt Freibad wartet das Büro. Wenn das Thermometer steigt, wächst auch der Wunsch bei vielen Arbeitnehmern nach textiler Abkühlung. Doch dürfen Männer mit kurzen Hosen zur Arbeit kommen? Wir haben uns mit dem Thema Sommerkleidung mal etwas humoristisch auseinandergesetzt.

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Kurze Hosen im Büro Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten im Zusammenspiel der Geschlechter: Frauen dürfen halbnackt zur Arbeit erscheinen, während ein männlicher Arbeitnehmer in kurzen Hosen angeguckt wird wie etwas, das die Katze hereingebracht hat.
  • Von: Imre Grimm

Sommerkleidung – ein Elendsthema für Männer. Vor allem im Büro. Wer bei Google „Kurze Hose“ eingibt, erhält als ersten Suchvorschlag “Kurze Hose selber machen”. Wer “Lange Hose” eingibt, erhält als ersten Treffer “Lange Hose abschneiden”. Daraus lässt sich zweierlei schließen: 1. Das Wissen über die Existenz und Funktionsweise einer Schere scheint in der westlichen Welt nicht so weit verbreitet, wie bisher angenommen. 2. Die Nachfrage nach kurzen Hosen übersteigt offensichtlich das vorhandene Angebot. Da hinkt die Industrie noch hinterher.

Der Sommer ist bekleidungstechnisch die Jahreszeit der Improvisation. Die Bermudashort ist klamottengewordene Verzweiflung. Ein beigefarbenes, modisches Missverständnis. Menschen in Linienbussen, Supermärkten oder Eisdielenwarteschlangen geben täglich Zeugnis ab vom stillen Drama, dass sich bei 35 Grad im Schatten vor Kleiderschränken abspielt: Geht die bunte Orchideenbluse von Jürgens Konfirmation 1961 noch? Sind Micky-Maus-Socken in Sandalen schlimmer oder besser als weiße? Sind Leggings noch zulässig, wenn mein Körper breiter ist als hoch? Geht die obere Hälfte eines Badeanzugs im Notfall als Top durch? Ist die Trekking-Sandale wirklich das modische Äquivalent zum Fahrradhelm, nur eben unten drunter statt oben drauf?

Der deutsche Fashion-Kunde jenseits der 40 ist auf alle möglichen Gefahrenlagen gut vorbereitet: auf Glühbirnenmangel, Grillkohlekrisen, Spaxschraubenknappheit, den Ausfall elektrischer Bohrmaschinen und Winkelschleifer, das Entgleisen elektrischer Eisenbahnen – nur nicht auf Hitze. Hitze ist (genau wie die Bundesliga-Sommerpause und André Rieu) der Feind des deutschen Mannes. Es gibt diverse Merkmale, um Männlein und Weiblein zu unterscheiden, das folgende aber zählt zu den unumstößlichsten: Frauen haben Angst zu frieren, Männer haben Angst zu schwitzen.

Frauen frieren etwa ab 23 Grad Celsius abwärts. Männer schwitzen etwa ab 18 Grad aufwärts. Das ergibt netto eine Schnittmenge von fünf Grad – genug Interpretationsspielraum, um sich heftig über geöffnete Fenster, zugezogene Reißverschlüsse, die Klimaautomatik im VW-Passat und die Notwendigkeit von Schals, Mützen und Muffs (oder heißt es “Müffen”?) zu streiten. Noch nie hat in irgendeinem Land der Welt in irgendeinem Baumarkt irgendeine Frau jemals irgendeine mobile Klimaanlage für 299,- Euro gekauft.

Das Paradoxe: Obwohl Frauen schneller frieren, ziehen sie sich konsequenter aus. Möglicherweise hat diese Neigung in den Jahrtausenden der Evolution das Überleben der menschlichen Spezies gesichert. Männer dagegen schleppen sich auch bei 30 Grad in Jeanshosen oder wollenen Anzügen durch die schwülen Flure, während Frauen sich sommers im Büro kleiden, als gelte es, einen Gelsenkirchener Fahrlehrer oder einen Bademeister in Rimini zu bezirzen.

Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten im Zusammenspiel der Geschlechter: Frauen dürfen halbnackt zur Arbeit erscheinen, während ein männlicher Arbeitnehmer in kurzen Hosen angeguckt wird wie etwas, das die Katze hereingebracht hat.


Das hat natürlich Gründe. Die Erfahrung lehrt, dass Frauen in wenig Kleidung unterm Strich einfach besser aussehen als Männer in wenig Kleidung. Leider ist es gängige Praxis, dass genau die Menschen auf Beinkleider verzichten, die besser welche tragen sollten. Sagen wir so: Nacktes Fleisch ist kein Wert an sich. Hotpants heißen nur so. Sie sehen nicht an jedem Körper zwangsläufig auch hot aus. Grundsätzlich gilt im öffentlichen Leben leider die Regel: Je mehr Masse ein Körper hat, desto weniger Stoff verhüllt ihn. Kleiderwahl ist – gerade bei jüngeren Frauen – eine hochemotionale Angelegenheit, bei der Willenskraft, Realitätsverleugnung, der Mut der Verzweiflung und die Vernunft gegeneinander kämpfen. Am Ende wird immer das Bauch(frei-)Gefühl siegen. Egal, wie der Bauch von außen aussieht. Da wölben sich dann zum Zerreißen gespannte Wülste unter pinkfarbenen Oberteilen hervor. Und der Bauchnabel ist als solcher kaum mehr zu erkennen, gleicht eher einem tiefen Bauchloch, umschlossen von stark beanspruchtem Speck. Das geht bei The Dome auf RTL II in Ordnung. Nicht aber im der Kantine einer Großversicherung.

Bleiben wir im körperlichen Normbereich. Ein Recht auf kurze Hose im Büro gibt es für Männer nicht. Frauen haben es in Unternehmen mit strengem Dresscode also leichter. Stilexperten raten ihnen eher zu einem leichten Sommerkleid als zu Hotpants. Für Männer dagegen gibt die einschlägige Literatur nicht viel mehr her als Tipps wie diese: Tragen Sie Leinen- statt Lederschuhe, lockern Sie die Krawatte, kaufen Sie Kleidung aus leichten Stoffen (ach nee?), trinken Sie viel, hoffen Sie das Beste, beten Sie für Regen und LASSEN SIE UM GOTTES WILLEN DIE HOSE AN UND DIE FLIPFLOPS IM SCHRANK!

Frauen dürfen auch in Firmen mit strengem Dresscode ihre Arme komplett zeigen. Die Schultern sollten aber bedeckt bleiben (keine Spaghettiträger) und der Rocksaum nie höher sitzen als eine Handbreit überm Knie. Wer bei der Tiefe des Ausschnitts unsicher ist, solle “ruhig mal Freunde nach ihrer Meinung fragen”, heißt es. Unpassend: Kollegen in dieser Frage um Rat bitten oder gar den Vorgesetzten (“Chefchen, finden Sie doch nicht schlimm, dass man bei dieser Bluse mein Brustwarzenpiercing sieht, gell?”).

Generell gehe es immer darum, rücksichtsvoll mit seinen Mitmenschen umzugehen, sagt der Stilberater Uwe Fenner. Kurze Hosen würden sich daher verbieten. “Shorts sind eine ästhetische Zumutung für Kunden und Kollegen.”
Ganz wichtig: Aufrechnen in Stilfragen ist nicht erlaubt. Sie können also nicht obenrum im Wintermantel mit Schal und Russenmütze erscheinen und dafür unten in Shorts und Badelatschen. Auch das umgekehrte Prinzip ist unzulässig: Skihose und Moonbots, dafür mit freiem Oberkörper und Rambo-Stirnband. Auch wenn’s das allgemeine Arbeitsklima erheblich auflockern würde. Nackte Füße unterm Schreibtisch in kaltes Wasser stellen ist dagegen erlaubt. Machen die bei der Tagesschau schließlich auch. Glauben Sie nicht? Dann raten Sie mal, warum Jan Hofer immer so entspannt guckt, auch im Hochsommer.

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