Steinkohle

Die Bergmannsehre bleibt

Das Bergwerk Auguste Victoria stellt Ende 2015 die Förderung ein. Seit über 100 Jahren förderten Tausende Bergleute Millionen Tonnen Kohle. Ein Abschiedsbesuch.

© Blitzfang Medien GmbH
17.12.2015
  • Von: Alexander Reupke
  • Fotostrecke: 9 Bilder

Frisch geduscht steht Markus Rübenstahl in der riesigen Kaue – der Umkleidekabine der Bergleute – und verstaut seine verstaubte Arbeitskleidung in einen der rund 2200 Körbe. An einer Kette zieht der 48-Jährige den Korb bis kurz unter die sechs Meter hohe Decke des Bergwerks Auguste Victoria (AV) in Marl. Tägliche Routine. Fragt man Rübenstahl nach der Schließung, sagt er: "Es bedrückt einen sehr."

Am 18. Dezember wird das Bergwerk Auguste Victoria seine Förderung einstellen. Die Politik will es so. Grundlage ist das Steinkohlefinanzierungs- gesetz aus dem Jahr 2007. Dieser Kompromiss wurde nach langem Ringen zwischen der IG BCE, dem Steinkohleunternehmen RAG, der Bundesregierung und den Kohleländern Nordrhein-Westfalen und dem Saarland geschlossen – er legt das Ende des subventionierten Steinkohlenbergbaus schrittweise bis 2018 fest.

Helge Krückeberg

Markus Rübenstahl in der Kaue: "Wir bringen volle Leistung bis zum letzten Tag Markus Rübenstahl in der Kaue: "Wir bringen volle Leistung bis zum letzten Tag."

Das metallische Schutzgitter schnellt nach oben. Ein Dutzend Bergleute treten aus dem Förderkorb. Ihre Gesichter sind mit schwarzem Kohlenstaub bedeckt. Unter ihnen ist Thomas Perner. Zielstrebig schreitet der 47-Jährige Richtung Lampenstube. Dort reihen sich Hunderte Grubenlampen in mehreren hintereinander stehenden Regalen. Perner identifiziert sofort seinen persönlichen Platz und stellt die Lampe hinein.

Es scheint, als würde Perner sein Leben lang auf dem Bergwerk Auguste Victoria
in Marl arbeiten. Doch sein Handwerk lernte er in der Zeche Haus Aden in Bergkamen. 1987 wurde er nach Dortmund verlegt. Einige Jahre später kam er auf das Bergwerk in Marl.

  • Arbeiten in bis zu 1300 Metern Tiefe: Die Bergleute erholen sich nach ihrer Schicht unter Tage.
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    Helge Krückeberg

    Arbeiten in bis zu 1300 Metern Tiefe: Die Bergleute erholen sich nach ihrer Schicht unter Tage.

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"Wir Bergleute haben schon eine kleine Odyssee hinter uns", sagt Perner. Und meint damit die massenhafte Schließung von Steinkohlenbergwerken seit den 60er-Jahren. Und damit verbunden, dass Bergleute ihren Arbeitsort wechseln. Wer zuvor noch in unmittelbarer Nähe zum Pütt gewohnt hat, muss nun Wege von bis zu 100 Kilometern in Kauf nehmen. "Manche Kollegen mussten extra ihren Führerschein machen", erzählt Thomas Perner. Das bedeutet nicht nur eine finanzielle Belastung. Auch die Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen muss immer wieder neu organisiert werden.

In den vergangenen Jahren hat sich die Situation verschärft. Gab es 2000 noch 58¿000 Bergleute verteilt auf 17 Zechen, sank ihre Zahl bis heute auf 9000 in den verbliebenen drei Bergwerken Auguste Victoria, Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren in der Nähe von Osnabrück.

Trotz der Zechenschließungen waren Kündigungen im Steinkohlenbergbau nie Teil der Lösung. "Wir haben gemeinsam mit Kollegen, Betriebsrat, Vertrauensleuten, dem Unternehmen und IG BCE für sozialverträgliche Lösungen gekämpft", sagt Norbert Maus, Betriebsratsvorsitzender auf AV. "Das Erreichte ist einzigartig in unserem Land."

Helge Krückeberg

Betriebsratsvorsitzender Norbert Maus: "Vom Grundsatz her tickt jeder Bergmann gleich." Betriebsratsvorsitzender Norbert Maus: "Vom Grundsatz her tickt jeder Bergmann gleich."

Für ältere Beschäftigte gibt es spezielle Vorruhestandsregelungen. Betriebsräte und Gewerkschaft unterstützen Jüngere bei der Suche nach einem anderen
Arbeitgeber. Es gibt Kooperationen beispielsweise mit Evonik und der Deutschen Bahn.

Für 450 der aktuell 1200 Bergleute auf Auguste Victoria steht der Zechenwechsel an. Viele werden längere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Um das Arbeitsklima müssen sie sich laut Norbert Maus aber keine Sorgen machen. "Anderswo ist die Kultur zwar nicht dieselbe", sagt der Betriebsratsvorsitzender, der selbst Bergarbeiter in dritter Generation ist, "aber vom Grundsatz her tickt jeder Bergmann gleich." Denn Solidarität und Verlässlichkeit sind untrennbar mit dem Bergbau verbunden. "Ich kann bei allen die Bergmannsehre noch spüren."

Für den gelernten Bergmechaniker Markus Rübenstahl steht nächstes Jahr der für ihn erste Wechsel auf ein anderes Bergwerk an. 1983 ging er mit 16 Jahren auf Auguste Victoria in die Lehre. Er ist einer von rund 60 Bergleuten, die bisher noch nie die Arbeitsstätte wechseln mussten. Nun geht er zu Prosper-Haniel. "Derzeit wohne ich direkt in Marl. Jetzt werde ich wahrscheinlich umziehen", sagt Rübenstahl. Aber bis dahin "bringen wir bis zum letzten Tag volle Leistung".

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